Vize-Europameister

  • von

Mitten im Apennin-Gebirge, im malerischen Sigillo, Umbrien, Italien wurden vom 9. bis 24. Juli die Europameisterschaften im Drachenfliegen (FAI Klasse 1) ausgetragen. 93 Teilnehmer aus 20 Nationen flogen um die Titel in der Einzel- und Teamwertung. Nach neun gültigen Wertungstagen und mit Flügen bis zu 200 Kilometern gewinnt das deutsche Drachenflug-Nationalteam den Vize-Europameistertitel hinter Italien und vor Tschechien. Primoz Gricar (47) holt sich die Bronzemedaille hinter dem mehrmaligen Weltmeister Alex Ploner und Christian Ciech aus Italien.

 

Konstante Teamleistung

 

Nach den ersten zwei Wettkampftagen mit Flügen vom Tre Pizzi und Monte Cucco lag das deutsche Team auf Rang 3. Werkspilot Primoz Gricar fand sich in der Einzelwertung sogar auf dem zweiten Platz hinter dem Weltmeister Alex Ploner aus Italien wieder. Gerd Dönhuber aus Ruhpolding platzierte sich ebenfalls ganz vorne in den Top Ten.

Viel Nordwind mischte die Luft kräftig durch und brachte den Piloten turbulente Bedingungen. Die deutschen Piloten konnten die schwierigen Flugverhältnisse gut meistern und flogen regelmäßig und schnell ins
Ziel.

 

Rekordflug über 201 km bei einer Europameisterschaft

 

Am vierten Wettbewerbstag sagte Meteorloge Damiano Zanocco einen „Hammertag“ voraus. Extrem gute Streckenflugbedingungen mit speziellen Konvergenzlinien veranlassten das Task-Komitee, eine Rekordaufgabe zu stellen: 201 Kilometer mit Flug in die hohen Berge des Nationalparks Monte Sibillini und wieder zurück zum Landeplatz in Sigillo. Soweit wurde noch nie bei einer EM geflogen!

Primoz Gricar zeigte taktisches Geschick, flog der Konkurrenz voraus und überquerte als erster die Ziellinie. Gerd Dönhuber belegte Rang 8, und auch unsere beiden Neuzugänge im Team, Oliver Salewski und Marco
Gröbner, machten das Teamergebnis perfekt. Deutschland überholte dabei die Tschechen und lag nach vier Wertungstagen hinter Italien auf Rang 2, Primoz weiterhin auf dem zweiten Platz hinter Weltmeister Alex Ploner und verkürzte den Abstand nach vorne.

 

Kurzer Leistungseinbruch von Primoz

 

Nach einem Ruhetag mit schlechten Wetterverhältnissen meldete Meteorloge Damiano Zanocco
weitere gute Flugtage. Vier Durchgänge zwischen 110 und 160 Kilometern Länge wurden geflogen. Primoz
verpatzte zwei Tage mit den Platzierungen 18 und 28 und fiel auf den vierten Rang zurück.

Im achten Durchgang baute das deutsche Team mit Topplatzierungen von Roland Wöhrle, Primoz Gricar und Gerd Dönhuber den Vorsprung auf die Tschechen aus. Primoz katapultiert sich wieder auf den Bronzeplatz vor.

 

Tagessieg beim Show Down

 

Vor dem letzten Durchgang wurde es noch einmal spannend. Der mehrmalige Weltmeister Alex
Ploner hatte sich ein gutes Punktepolster vor seiner Konkurrenz geschaffen. Sein Teamkollege
Christian Ciech lag auf Rang zwei, ebenfalls mit gutem Vorsprung auf Primoz. Von hinten lauerten die Konkurrenten aus England, Tschechien und Italien, die punktemäßig eng beieinander lagen. 187 Kilometer galt es so schnell wie möglich abzufliegen.

Von Beginn an waren fast alle deutschen Piloten – allen voran Primoz Gricar, Roland Wöhrle und Jörg Bajewski – vorne dabei. Primoz heizte mit seinem Drachen die letzten 50 Kilometer sensationell mit über 100 km/h unter der Wolkenstraße entlang und flog mit einem Schnitt von 67 km/h in 2 Stunden, 44 Minuten als Erster ins Ziel, begleitet vom Applaus der Zuschauer. „Heut habe ich alle paniert“ rief er anschließend voller Freude.

Mit diesem Tagessieg sicherte sich Primoz Gricar die Bronzemedaille. Alex Ploner und Christian Ciech aus Italien kamen kurz danach ins Ziel und holten Gold und Silber. In der Teamwertung blieb Italien vorne und gewann den Europameistertitel souverän vor Deutschland und Tschechien.

Die Ergebnisse der Einzelwertung:

 

1. Alex Ploner (ITA): 8.642 Punkte
2. Christian Ciech (ITA): 8.443 Punkte
3. Primoz Gricar (GER): 8.148 Punkte
4. Grant Crossingham (GBR): 8.048 Punkte
5. Dan Vyhnalik (CZE): 7.868 Punkte

Die Ergebnisse der Teamwertung:

 

1. Italien: 25.346 Punkte
2. Deutschland: 23.122 Punkte
3. Tschechien: 22.206 Punke
4. Österreich: 21.266 Punkte
5. England: 21.165 Punkte

 

Interview mit Primoz Gricar

Was fasziniert dich am Drachenfliegen?“

Primoz Gricar: „Ich habe mit dem Drachenfliegen angefangen, weil Fliegen mich schon immer fasziniert hat.
Keine Art des Fliegens ist so vogelähnlich, so frei, mit dem Wind im Gesicht. Ich liebe das Streckenfliegen im Flachland und in den hohen Bergen, alles rein mit der Kraft der Sonne und der Natur und ohne Motor.“

Hast Du mit einer Medaille gerechnet?

Primoz Grcar: „Die Konkurrenz im Gastgeberland Italien ist groß. Hier ganz vorne mitzufliegen ist nicht
einfach. Ich habe mir schon Hoffnungen gemacht, zwischendurch habe ich sogar auf den Titel geschielt. Aber letztendlich bin ich sehr glücklich, dass ich Bronze gewonnen habe. Das wir auch im Team Silber geholt haben, freut mich besonders. Wir sind ein super Team, dass in der Zukunft auch noch mehr erreichen kann, da bin ich überzeugt.“

 

Interview mit Regina Glas, Teamchefin seit 2006

Was sagst Du zu Silber im Team und Bronze in der Einzelwertung?

Regina Glas: „Seit über 20 Jahren waren wir nicht mehr so erfolgreich. Ich bin wahnsinnig stolz auf das
gesamte Team! Unsere Toppiloten Primoz, Roland und Gerd fliegen meist ganz vorne mit. Die Neuzugänge Oliver und Marco haben frischen Wind in die Mannschaft gebracht und gezeigt, was in ihnen steckt. Jörg, unser langjähriges Teammitglied, ist förmlich über sich hinausgewachsen. Alle haben Kameradschaft, Kampfgeist und Durchhaltevermögen bewiesen. Jeden Tag stundenlang in der Luft zu verbringen, verlangt gute Vorbereitung, Training, Ausdauer und Disziplin. Vom ersten Tag an sind die Jungs wie ein Uhrwerk geflogen, immer waren ein paar ganz vorne dabei. Die besten drei jedes Teams punkten pro Tag. Jeder hat hier seinen Beitrag geleistet. Ich bin stolz auf die Jungs und ich freue mich riesig!“

 

Hintergrundinformationen

 

Drachenpiloten nutzen die Sonne und den Wind, um sich mit Hilfe von aufsteigender Luft (Thermik) am Himmel halten zu können. Von einem Aufwind zum anderen versuchen sie, eine vorgegebene Route abzufliegen. Mit Hilfe eines GPS-Gerätes orientieren sich die Piloten. Die Instrumente zeichnen den Flug auf. Am Ende werden die Tracks ausgelesen und kontrolliert, ob alle Wendepunkte regelkonform angeflogen wurden. Das Ziel ist, die festgelegte Strecke möglichst schnell zu bewältigen. Bei den Europameisterschaften in Sigillo (Italien) wurden Strecken von 90 Kilometer Länge bis über 201 Kilometer geflogen.

 

Regina Glas, Teamchefin der Drachen-Nationalmannschaft